| Interview zur aktuellen Wirtschaftslage |
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Das Interview zur aktuellen Wirtschaftslage 16.02.2009
Herr Prömm, wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des RON und der rumänischen Wirtschaft heute? Die Entwicklung des Wechselkurses Euro-RON sowie die Entwicklung der rumänischen Wirtschaft im allgemeinen kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht getrennt von der europäischen, ja weltweiten, gesamtwirtschaftlichen Lage gesehen werden. Rumänien kann nur noch begrenzt agieren und wird sich in den nächsten 1-2 Jahren immer auf die bestmöglichen nationalen Gegenmaßnahmen konzentrieren müssen. Damit steht es in Europa aber nicht allein da, Irland, Italien, Griechenland und Ungarn geht es genauso. Gut, beginnen wir mit der globalen Situation…Wir haben zwei Probleme, welche schon Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, ignoriert wurden und nun gemeinsam mit der ganzen angestauten Kraft ausbrechen. Der Reihe nach: Das erste Problem ist ein bankrottes Bankensystem, welches nur noch durch die Zentralbanken vor dem Zusammenbruch bewahrt wird. Die Banken haben die von der US-Notenbank jahrelang übermäßig generierte Liquidität aufgenommen und durch – vereinfacht gesagt - gegenseitige Schuldverschreibungen aller Art in unvorstellbarem Maße vervielfältigt. Dieser Berg von Verbriefungen ist der Kern des Problems - wir wissen nicht, wie viel es insgesamt ist und wie werthaltig diese „toxischen“ Papiere noch sind. Ich glaube, dass die Realität die schlimmsten Befürchtungen noch übertrifft, denn das andauernde Misstrauen der Banken spricht sehr dafür. Würden alle „toxischen“ Papiere in den Bankbilanzen vorschriftsmäßig abgeschrieben, erlebten wir wahrscheinlich sofort ein weltweites Bankensterben, welches eine ebensolche Pleitewelle von Unternehmen und damit die größte Depression aller Zeiten nach sich zöge. Um das zu vermeiden, überlegen die Regierungen, die Banken“ von dieser tödlichen Last zu befreien, z.B. durch eine oder mehrere staatliche „Bad Banks“. Dieses ist äußerst schwierig, denn welcher Staat sollte zu welchem Preis welchen Banken die notleidenden Papiere abkaufen? Es gibt keine rein nationalen Banken mehr und warum sollte z.B. der deutsche Steuerzahler, Geld für die Rettung einer z.B. britischen Bank zur Verfügung stellen? Ich zweifle daran, dass die Staatshaushalte einiger Länder in der Lage sein werden, die Rettung „ihrer“ Banken zu bezahlen. Das zweite Problem ergibt sich damit logisch aus dem soeben gesagten: Wer soll das Geld aufbringen, um das Banksystem zu retten? Der private Sektor über Steuererhöhungen oder Zwangsabgaben? Die öffentlichen Haushalte über Schulden? Beide, sowohl private als auch öffentlichen Haushalte sind in den meisten Ländern überschuldet. Das ging bisher immer gut, denn steigende Verschuldung wurde bisher durch steigende Wirtschaftsleistung gerechtfertigt. Das gefährliche an der heutigen Situation ist jedoch, dass die Banken und der private Sektor nach Hilfe schreien und viele der Rettungskräfte (Staatshaushalte) selber ein Fall für die Notaufnahme sind. Die Vermögensverluste des privaten Sektors sind nicht temporär, sondern sind die Korrektur von Preisen, die irrationale Niveaus erreicht hatten. Durch das Einbrechen der Häuserpreise und der Aktienkurse haben z.B. US-Haushalte bisher im Durchschnitt 20% ihrer Vermögen verloren und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Das ist ein unglaublicher Kaufkraftverlust, der eine Menge Produkte und Unternehmen überflüssig macht. Dies wiederum induziert einen massiven wirtschaftlichen Abschwung und der führt zu weiteren Einkommens- und Kaufkraftverlusten – ein Teufelskreis. Es ist klar, dass die Regierungen weltweit versuchen werden, das Bankensystem, die privaten Haushalte und die „wichtigen“ Unternehmen durch gewaltige staatliche „Hilfs- und Konjunkturprogramme“ zu sanieren. Sie tun dieses jedoch durch die Ausweitung der Geldmange nach dem Prinzip „Hoffnung“, ohne genau zu wissen, was für Auswirkungen die Flut von Papiergeld haben wird.
Was konkret bedeutet das für die öffentlichen Haushalte? Die regelrechten Einbrüche beim BIP in USA, Japan und in Europa lassen nichts Gutes ahnen. Die Einkommen sinken, die Arbeitslosigkeit steigt, die privaten Pensionsfonds und staatlichen Sozialversicherungssysteme geraten in Zahlungsschwierigleiten. Soweit kann es keine Regierung kommen lassen und deswegen werden sie, allen voran die USA, Geld drucken, um immer neue Hilfspakete zu finanzieren. Die Haushaltsdefizite werden überall ansteigen, in einigen Ländern werden sie jedoch exponentiell wachsen, d.h. explodieren. Es wird zu offenen Interessendivergenzen zwischen einzelnen Regierungen kommen. Es gibt die „Gläubiger-Staaten“, die kontinuierliche Leistunsbilanzüberschüsse und hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit aufweisen und die „Schuldner-Staaten“ mit chronischen Leistungsbilanzdefiziten, hohen Auslandsschulden und schwindender Wettbewerbsfähigkeit. Die „Schuldner“ müssten auf Importe verzichten, mehr arbeiten, ihre Wirtschaft umstrukturieren, weniger konsumieren und den Gläubigern die Schulden mit „gutem Geld“ zurückzahlen. Ich weiß nicht, ob allen klar ist, was das im Falle der USA bedeuten würde. So ein Szenario ist dort (noch) undenkbar und Präsident Obama wird lieber neues Geld drucken und den dazugehörigen massiven Anstieg von Haushaltsdefizit und Inflation in Kauf nehmen, als die Bürger der USA in eine langjährige Dekade des Verzichts zu führen. Wie allerdings China, Japan und die Öl-Länder als Besitzer großer Dollar-Reserven darauf reagieren werden und wer noch dumm genug sein wird, US-Anleihen zu kaufen - das könnten wir alle schneller als gedacht erleben. Meiner Meinung nach wird dieser Prozeß außer Kontrolle geraten, der Dollar wird gegenüber allen wichtigen Währungen massiv abwerten und die Gefahr der Hyperinflation steht innerhalb der nächsten 2-4 Jahre sehr real im Raum. Und was ist mit Europa? Auch in Europa braut sich was zusammen: In den letzten Monaten weitete sich der Renditeunterschied vieler Staatsanleihen aus dem Euroraum gegenüber deutschen Bundesanleihen aus, das heißt die Markteilnehmer verlangen z.B. von der griechischen Regierung 1,5 % mehr Zinsen als sie dieses für eine Euro-Anleihe Deutschlands tun. Warum? In Europa weisen einige Länder dauerhaft Leistungsbilanzüberschüsse auf. Deutschland mit der größten, stabilsten und wettbewerbsfähigsten Wirtschaft, hoher privater Ersparnisse und relativ soliden öffentlichen Finanzen ist hier der Stabilitätsanker. Dramatisch sieht es allerdings im Süden (und Südosten) des Kontinents aus. Italien, Spanien und Griechenland leiden nicht nur an einem chronischen Leistungsbilanzdefizit, sondern verlieren auch immer mehr an Konkurrenzfähigkeit. Schon gab es den Ruf aus Italien nach einer Euro-Anleihe aller EU-Länder. Auf die deutsche Regierung kommen zwei Wahlmöglichkeiten zu: Entweder sie wirft ihre Kraft und Bonität in einen gemeinsamen EU-Topf und zahlt die Konjunkturprogramme Gesamteuropas mit, was Deutschland überfordern und Europa trotzdem nicht retten könnte. Oder sie nutzt ihre wirtschaftspolitische Macht zur überfälligen Neuordnung der EU-Strukturen hin zur Stärkung der Leistungskraft und –bereitschaft der Bürger Europas und weg von der bisher praktizierten nivellierenden Umverteilungspolitik. Diese Krise ist Ergebnis der Tatsache, dass viele Länder über ihre Verhältnisse gelebt haben und nun ihre Schulden loswerden wollen, ohne auf Lebensstandard zu verzichten. Das geht nicht! Es wird keine Besserung geben, wenn Europa sich nicht an zwei uralte Grundsätze erinnert: 1. Man kann dauerhaft nicht mehr konsumieren, als man sich erarbeitet. 2. Wer zahlt, bestimmt. Die sozialromantische Naivität und die Führungsunwilligkeit einiger deutscher Politiker macht mir manchmal Sorgen, aber ich hoffe – im Interesse Europas – dass die Deutschen endlich Verantwortung übernehmen und die Gestaltung dieses immer noch sehr wichtigen Wirtschaftsraumes nicht länger außereuropäischen Interessen oder dem Zufall überlassen. Wie auch immer, ich bin sicher, dass der Euro-Raum in der jetzigen Form in drei Jahren nicht mehr existieren wird. Das klingt irgendwie radikal und übertrieben…
Ich wünschte mir sehr, dass meine Befürchtungen übertrieben wären…. Radikal ist diese Systemkrise jedoch auf jeden Fall, denn sie geht an die Wurzel, bricht mit bisherigen Denkmustern und ist unbarmherzig. Wer ihr mit dem Denken von gestern begegnet, wird überrollt werden. Am 9.8.2007 sprang der Interbanken-Zinssatz um siebzig Hundertstel in die Höhe, das – in etwa - Fünfzigfache der normalen täglichen Schwankungsbreite. Dieses Zeichen war das Sturmsignal der Bankenkrise und nur wenige haben es auf Anhieb deuten können.
Sie? Nein, auch ich dachte damals, dass das Bankensystem mit dem temporären Misstrauen untereinander in alter Kartellmanier fertig werden würde… Aber sie wussten, dass sie ein riesiges Schneeball-System aufgebaut hatten, welches nun anfing einzustürzen und darum vertraute keiner dem anderen mehr. Wir, die Zuschauer, verhielten und verhalten uns immer noch wie die Touristen auf Sumatra im Dezember 2004, als sich das Meer plötzlich weit von den Küsten zurückzog. Es entstand ein Moment der Stille, die Touristen liefen an den Strand, fotografierten das seltene Ereignis oder sammelten Muscheln. Als der Tsunami dann anrollte, riß er die Unwissenden innerhalb von Sekunden in den Tod. Ich sage es noch einmal: Diese Krise ist umfassend und wird auch die treffen, die sich jetzt noch sicher fühlen. Aber auch nach dem Tsunami gab es Gewinner und Verlierer und deshalb kommt es jetzt darauf an, den Mut zu unkonventionellem Denken und Handeln zu finden. Vor einem Jahr hätten Sie es sicher unglaubwürdig gefunden, wenn ich den Staatsbankrott Islands, die Pleite von Lehmann Brothers oder die Verstaatlichung von deutschen Banken als realistische Möglichkeit dargestellt hätte… Was kann ein Anleger unter diesen Umständen tun, um sein Vermögen zu sichern?
Ich denke, dass die Inflation erst nach 12-24 Monaten, also irgendwann im Laufe des Jahres 2010 in Fahrt kommt. Bis dahin sollte jeder versuchen, sein Geld sicher, also z.B. in Euro-Anleihen Deutschlands oder in Franken-Anleihen der Schweiz oder in Gold (-zertifikaten) anzulegen. Dazu kann man nach und nach einige gesunde Aktien von Energieversorgern oder Unternehmen der Nahrungsmittel- oder Gesundheitsbranche beimischen. Immobilienerwerb auf Kredit ist ebenfalls eine Überlegung wert. Wer aber nicht erstklassige Informationen und den nötigen Sachverstand hat, dem empfehle ich Tagesgeld in Euro oder CHF bei einer „sicheren“ Bank und einen steigenden Anteil physisches Gold. Die Zeit der Aktien kommt erst mit steigender Inflation in ein, zwei Jahren.
Wir wollten eigentlich über den RON und Rumänien reden… Unsere nächste Analyse der rumänischen Wirtschaft sowie die Prognose des Euro-RON-Wechselkurses für das 2. Quartal 2009 wird am 31.03.2009 veröffentlicht, unter anderem auch auf Ihrer Internetseite. Unabhängig davon: Das bisher Gesagte sind die Rahmenbedingungen unter denen die rumänische Volkswirtschaft agieren muß. Heute, am 16.02.2009, lesen wir von der Nationalbank (BNR) folgende Mitteilung: „Membrii CNSF au analizat situaţia curentă a sistemului financiar românesc din perspectiva evaluării impactului potenţial al crizei financiare internaţionale asupra instituţiilor, pieţelor şi infrastructurii financiare, precum şi asupra economiei reale. Concluziile evaluării indică faptul că, până în prezent, impactul crizei financiare globale asupra sistemului financiar românesc (inclusiv pe componentele sale) a fost relativ limitat.“ Es scheint tatsächlich so zu sein, dass die rumänischen Banken am internationalen Spiel mit den „toxischen Papieren“ nicht oder nur in geringem Maße teilgenommen haben. Dennoch hat das rumänische Finanzsystem zur Zeit ein großes Problem mit einer indirekten Folge der Finanzkrise, nämlich massiven Aktivaabflüssen. Ausländische Banken und Konzerne verkaufen im Moment RON und ziehen Valuta (Euro) aus dem Land. Hält der Trend bei gleichbleibendem Handelsbilanzdefizit an, wird Rumänien – wie 2008 Ungarn – plötzlich seine Importe nicht mehr bezahlen können. Dieses muß unter allen Umständen vermieden werden, so dass immer wieder die Frage eines IMF-Kredits auftaucht. Zusätzlich zu diesen Liquiditätsproblemen trifft die allgemeine Konjunkturkrise eine noch ungefestigte rumänische Industrie und lässt deren Exporte zurückgehen. Viele Bauprojekte sind auf der Basis von sog. „non-recourse loans“ finanziert und könnten mit weiter sinkenden Immobilienpreisen zusammenbrechen, was die Banken wiederum berühren würde. All das führt zur Verringerung der rumänischen Wirtschaftsleistung, des Bruttoinlandsproduktes, mit all den bekannten Negativfolgen. Entscheidend wird 2009 auch in Rumänien die Entwicklung der Handelsbilanz und der öffentlichen Haushalte sein. Defizite in diesen Bilanzen benötigen leider externe Finanzierung und müssen deswegen von rumänischer Seite energisch bekämpft werden. Dennoch wird die Regierung nicht auf öffentlich finanzierte Maßnahmen zur Stützung vitaler Wirtschaftssektoren und zur Verhinderung von Unruhen verzichten können. All das ist Herausforderung genug für Regierung und Notenbank. Anerkennend muß man feststellen, dass es in den letzten Monaten im Finanzministerium und bei der Bukarester Zentralbank Leute geben muß, die – unter den zusätzlich belastenden Bedingungen eines Regierungswechsels – bisher einen guten Job machen. Ich bin weder in der Lage noch befugt, diesen Fachleuten einen Rat zu geben. Sie werden selber wissen, dass die Inflation in den nächsten 12 Monaten kein Problem wird, solange die Marktteilnehmer keine übermäßige Ausweitung der beiden oben genannten Defizite sehen. Die Importe müssen mit den Exporten korrelieren (ein schwacher RON führt automatisch zur Reduktion von importiertem Konsum) und öffentliche Ausgaben sollten nicht (direkt) den Konsum ankurbeln, sondern Investitionsanreize, Bildung und den Aufbau von international konkurrenzfähigen Technologien fördern. Vertrauen und Glaubwürdigkeit sind die Zauberwörter, denen die Geister des Kapitalmarktes gehorchen – auch in Rumänien. Copyright: Hans Prömm Wirtschaftsberatung / 16.02.2009 |
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